Neulich, es war ein strahlender Herbstmorgen und ich war bester Laune, als mich meine beiden Rappen riefen. Ich hatte sie eben frisch gehamburgert, ich meine gewienert, und ihre schwarzen Rücken glänzten in der Sonne: „Komm!“, riefen sie mir zu, „lass’ uns eine Runde dreh’n! Mal seh’n, was sich in unserer Umwelt an so einem schönen Tag tut.“ Die beiden trappelten vor lauter Ungeduld schon hin und her. Wie sie mich da so anblitzten, da hielt es mich auch nicht mehr. Mich erfasste Neugier darauf, was es wohl in der kleinen Welt unseres Städtchens so an Neuem gäbe. Und so zogen wir drei los und waren bald in der Gegend unserer Stadt, wo um diese Zeit die meisten Menschen herumlaufen.

Gegenüber von einer kleinen Tankstelle liegt ein Supermarkt und tatsächlich, es gab etwas Neues. Auf die riesige Reklamewand hatte man in der Nacht ein frisches Werbeplakat geklebt. Ein strammer Bursche in lederner Kniebundhose trug ein kariertes Hemd und schien stolz zu sein auf den großen Gamsbart an seinem Trachtenhut. „Holen Sie sich die frischen Henderl von meinem Bergbauernhof !“, forderte mich ein gigantischer Schriftzug auf. Im Hintergrund war ein romantisches Gehöft zu sehen mit Geranien auf dem Balkon und dicken Steinen auf dem Dach. Es prangte auf einer satt grünen Almwiese vor einer eindrucksvoll gezackten Bergwelt und weiß-blauem Himmel. „Hier oben, da weht die gute Bergluft, die hält meine Tiere frisch und gesund. Und auf unseren Almwiesen bei den frischen Kräutern, dort finden sie immer etwas zu picken. Auf diese Weise sind Sie stets rein biologisch genährt“, hieß es in der Sprechblase des Bergbauern weiter. Im Kleingedruckten folgte dann: „Sonderangebot! Nur 100.000 Stück bundesweit in ausgewählten Verkaufsstationen unserer Kette verfügbar.“

„Aha, so ein leckerer Hühnerschenkel in der Pfanne wäre ja nicht schlecht“, dachte ich bei mir und bog mit meinen Rappen auf den Parkplatz ein. Als ich so nahe an die Reklamewand gekommen war, dass mich die Schrift des Kleingedruckten groß anglotzte, wiederholte ich noch einmal gedanklich: „100.000 Stück. Nicht Tausend, nicht Zehntausend, sondern Einhunderttausend. Wie passen denn solche Scharen von Hühnern auf die kleinen Bergwiesen? Beim ersten Auftritt dieser Masse von Tieren wären doch all die frischen Kräuter sofort plattgetrampelt oder aufgefressen.“ – 
„Seit wann lebt unser liebes Federvieh von Kräutern?“, merkten die Rappen ungläubig an. So frisch Kräuter von den Almen auch sein mögen, ich habe daraufhin zum Mittagessen gedanklich von Hühnerschenkeln auf Kräuterquark mit guten Kartoffeln umgeschaltet. Auch ganz biologisch.

Wie ich gerade so grübelte, ob ich noch genug Quark und Kartoffeln zuhause hätte, lenkte mich lautes Gehupe von der gegenüberliegenden Tankstelle ab. „SUPER, 95 ROZ, heute nur 1,189 Euro/Liter“, lockte es von einem weiteren großen Werbeplakat. Abgebildet war ein belegtes Brötchen, dem wie eine Fahne im Herbstwind die drei Buchstaben BIO hinterherflatterten. Was da sonst noch geschrieben stand, konnte ich aus der Entfernung nicht entziffern. Die Rappen hatten meine Neugier mitbekommen und trabten näher an das Geschehen heran. Jetzt konnte ich endlich das Kleingedruckte auf der großen Werbetafel mit dem Sonderpreis für das Superbenzin lesen: „1,189 Euro/Liter, für die ersten 10 Liter Superbenzin, sofern Sie dazu 2 Super-Bio-Burger zu 5,98 Euro pro Stück verzehren.“ Ganz klein am unteren Rand folgte: „Die schmackhafte Boulette kann Spuren oder Bestandteile von Hühner- oder Pferdefleisch enthalten, das nicht durchgehend biologisch großgezogen worden ist.“

„Ob das die Reste der 100.000 Henderl vom smarten Bergbauern auf der Reklamewand sind?“, wollte mein vorlautes Großhirn sofort wissen. „Ist das Brötchen vielleicht geschmacklich mit einem Schuss Superbenzin verfeinert?“, erfrechte sich das Großhirn weiter. Ich rief es zur Ordnung.

Ordnung tat auch auf der Straße und auf dem Hof der Tankstelle not. Es hatten sich schon zwei lange Schlangen von beiden Seiten unserer Hauptstraße gebildet. „Was hilft denen denn dieses Herumhupen?“, meldeten sich jetzt meine Rappen zu Wort und führten mich nahezu automatisch näher zu den immer wieder aufblökenden Signalhörnern von zwei Fahrzeugen. Jetzt konnte ich identifizieren, woher die Geräusche kamen: Neben der Säule mit dem großen Super-Werbespruch stand ein gigantischer Geländewagen. Sein tiefschwarzer Mattlack kontrastierte zu den monströsen Rädern, deren Chrom in höchstem Glanz mit den beiden ebenso strahlend verchromten Ramm-Schutz-Bügeln an der Fahrzeugfront um die Wette blinkte.

„Natürlich, Ess you wie!“, assoziierte mein Großhirn ungefragt dazwischen. „Kann sich der Typ aus dem SUV-Auto nicht entscheiden, ob er die beiden Brötchen von der Tankstelle isst, oder den Gummiadler aus dem Supermarkt stilgerecht verzehrt, oder alle drei herunter würgen will?“, kam das Echo von den Rappen.

„Ruhe!“, kommandierte mein neugieriges Kleinhirn. „Sonst verpasse ich, was da jetzt an der Säule weiter abläuft.“ Aus dem schwarzen SUV stieg gerade ein gestandener Bursche aus, in lederner Kniebundhose mit kariertem Hemd und einem großen Gamsbart an seinem Trachtenhut. „Ach, das ist ja der biologische Bergbauer von gegenüber!“, freute sich mein Kleinhirn. „Will der jetzt statt der 100.000 Hühnchen von der Reklamewand doch mal die beiden Benzin-Brötchen auf seinen Diät-Plan setzen?“-„Nein!“, widersprach mein Großhirn. „Sieh dir doch nur sein Doppelkinn und die feiste Wampe an. Der kann höchstens der Manager dieser Hühner-Werbeaktion sein, der ostentativ in seiner Dienstkleidung zum Tanken fährt.“ – „Wie langweilig“, ödete das Kleinhirn zurück. „Ich würde jetzt lieber mal das bodenständige Fotomodell von der Werbeaufnahme erleben!“. Die Rappen wollten schon wieder umkehren.

Aber das Geschehen am Zapfschlauch begann unterhaltsam zu werden. Schnauze an Schnauze stand gegenüber dem hoch aufragenden schwarzen Auto ein flaches weißes. Sehr elegant in vielen Windkanalstunden stromlinienförmig zurechtgeschliffen kontrastierte es hintergründig in schillerndem Perlmutt-Metallic-Weiß. Die leicht geschwungenen, dynamisch wirkenden Kanten über den großen Rädern mit ihren windschlüpfrigen Abdeckungen brachten einen gewissen erotischen Anklang in das Design des Autos, so sinnlich wie … „Oh lala“, quakte mein Kleinhirn. „Die Dame tritt wohl in einschlägigen Filmen auf?“ Die Rappen blieben gebannt stehen.

Dem weißen Fahrzeug war soeben eine Blondine mit halbmeterlangem Pferdeschwanz auf wenigstens 10 cm hohen High-Heels lasziv entstöckelt. Ihre unendlich langen Beine mit Oberschenkeln, die ebenso schwungvoll geformt waren wie die leicht gewölbte Silhouette der Kotflügel ihres Autos, waren – trotz der bereits etwas herbstlichen Temperaturen – mit einem sehr winzigen Kleidungsstück mehr ent-deckt als be-deckt. Immerhin ähnelte das bisschen Leder der Kniebundhose ihres Gegenübers aus dem schwarzen Auto. Auch ihr kariertes Hemd mit den gepufften Ärmeln passte zu dessen Kleidung, war allerdings sehr viel offenherziger gegenüber einer Oberweite, die fast dem beeindruckenden Bauchumfang des Gamsbartträgers nahe zu kommen schien.

„Ich war als erste hier!“, kreischte das blonde Wesen. „Könnten Sie Ihren Karren vielleicht mal einen Meter zurücksetzen, damit ich an die Säule kann? Bekommen Sie das vielleicht fahrerisch zuwege, Sie Gamsbart Sie?“

„Das ist ja die schiere Dreistigkeit!“, baute sich die Kniebundhose auf. „SIE müssen mir Platz machen, denn ich war vor Ihnen da. Und lehnen Sie sich bloß nicht so aufreizend mit Ihren nackten Beinen an die alberne Metallicfarbe von Ihrem Flachauto. Für dieses Geblinke und Geflitter sind nämlich jede Menge umweltschädliche und ungesunde Aluminium-Flocken in die Farbe eingerührt worden. Weil die Krebs verursachen, sind sie ja schon aus den Deo-Stiften rausgeflogen, wie Sie wissen sollten. Oder benutzen Sie vielleicht kein Deo, Sie Stinktier?“ Die Rappen freuten sich: „Deo? Nee oh nee, brauchen wir auch nicht. Wir sind ja schließlich frisch gehamburgert. Also nein, gewienert.“

Der winzige Hosenboden des Blondchens glänzte ebenfalls wie frisch gewienert, als Sie den karierten Gamsbart ankeifte: „Mit Umweltschutz, also damit brauchen Sie mir nun überhaupt nicht zu kommen! Mein Manager hat gesagt, dass mein neues Auto das umweltfreundlichste ist, das es überhaupt gibt. Und zwar mit großem Abstand. Dagegen ist Ihre dicke fette Kiste, dieser Klotz da, eine einzige rollende Umweltsünde. Da kann man doch zugucken, wie die Gifte in Wolken aus ihrem Auspuff kommen!“

Der SUV-Fahrer brüllte zurück: „Und ich gucke jetzt nicht mehr lange zu, wie Sie sich vor dem Rückwärtsfahren drücken. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte: das Teil ihres Fahrzeugs, an das Sie sich gerade anlehnen, das ist das Vorderteil. Und Sie müssen jetzt in die andere Richtung fahren, in die Richtung, in die Ihre beiden Hinterbacken zeigen“. Seine Stimme wurde schrill: „Von Umweltverschmutzung, da müssen Sie Tussi mir nichts erzählen. Mein brandneuer Tobota1, hat einen so super fortschrittlichen Dieselmotor, dass er im Vergleich zu früher praktisch fast nichts mehr verbraucht. Und dazu noch, hat man mir im Autohaus gesagt, ist er mit einem gewaltigen Ess-Zeh-Err-Filter2 und vielen weiteren Filtern so gut ausgerüstet, dass, wenn die Luft mit diesem Kohlen-Mono, also mit diesem Kohlen-Mono-Dingsda schwer belastet ist, nach der Verbrennung weniger von dem Gift in der Luft ist als vorher 3.“ Die Rappen wurden unruhig. „Ist das so?“, zweifelten sie.

„Sie toller Tobota-Typ“, ätzte die Dame, „dann torkeln Sie jetzt fix in ihren Traumwagen. Wie Sie trotz des Ess-Zeh-Err-Filters in Ihrem dämlichen Donner-Diesel noch etwas von den heute hier angebotenen Burgern essen können, das ist voll Ihr Problem. Und hören Sie endlich damit auf, mir hier so einen auf Trouble zu machen. Wie sie mich eben gelehrt haben, haben Sie ja zwei ausreichend große Backen am Leibe, die Ihnen jetzt Ihre Fahrtrichtung weisen.“

Die Wampe des tobenden Tobota-Typen begann so zu schwabbeln, wie die aufgetakelte Tussi unruhig hin und her tänzelte. Obwohl mein Großhirn mich ausdrücklich davor gewarnt hatte, mich in die Diskussion einzumischen, hatte das Kleinhirn schon längst meine beiden Rappen antraben lassen, um die besagte Super-Säule anzusteuern:

„Meine Dame, mein Herr, entschuldigen Sie bitte, wenn ich mal ganz kurz unterbreche. Obwohl es Sie offensichtlich nicht wirklich zu interessieren scheint, aber an dieser Säule gibt es nur Superbenzin, das sie weder für den Dieselmotor ihres Tobotas nutzen noch bei Ihrem Teslala1 in die Batterien einfüllen können. Ich brauche es übrigens heute auch nicht, denn meine beiden stolzen Rappen, ja hier unten – sehen Sie die? – also Schusters Rappen, Schuhgröße 43, die brauchen nur etwas Schuhcreme.“

„Nix wie weg hier!“, warnte das Kleinhirn panisch, „bevor die ihre Wut an dir auslassen!“ – „Nun warte doch erst mal ab!“, beruhigte mein Großhirn. „Die Situation hier ist dermaßen grotesk, dass da irgendetwas dahinter stecken muss.“ Also blieb ich doch noch stehen und wartete gespannt, was jetzt passieren würde. Und tatsächlich – ich traute meinen Augen nicht – es kam anders, ganz anders als es das Kleinhirn erwartet hatte.

Anstatt – wie befürchtet – auch mich wütend anzukreischen, wendete sich das blonde Gift auf seinen langen Beinen zu mir hin, lächelte mich an und stolzierte auf mich zu: „Guten Morgen und herzlich willkommen! Mein Name ist Anja Neugereuther von der Werbeagentur Triple AAA, avantgardistisch, alternativ, attraktiv.“ Wie angewurzelt stand ich auf unserer Tankstelle. Ehe ich mich noch recht besonnen konnte, hatte mir die Dame ein Bussi links, ein Bussi rechts verpasst und wies mit schwungvoller Geste auf den beleibten Herren: „Darf ich Ihnen jetzt meinen Chef vorstellen? Mr. Cash!“

Mittlerweile war auch der Träger des Gamsbartes nähergetreten und streckte mir seine Hand zur Begrüßung hin: „Auch von mir einen schönen guten Morgen! Mein Name ist Cash, Frank Walter Cash von Triple AAA. Sicher werden Sie sich schon gefragt haben, was dieser Auftritt hier eigentlich bezwecken soll.“ Vollkommen überrascht von dieser Wendung fiel mir als Antwort nur mein eigener Name ein: „Steilmeier, wie geil, aber mit Ess-Tee am Anfang.“ Und Mr.Cash sprach gleich weiter: „Es ist gut, dass auch ihre Rappen kein Superbenzin benötigen ebenso wenig wie der Dieselmotor meines Fahrzeugs oder der Elektromotor des Dienstwagens meiner Assistentin Anja. Denn die Tankstelle öffnet erst in anderthalb Stunden wieder, um Benzin auszuschenken. Bis dahin haben wir sie gemietet und ein paar Statisten engagiert.“

Mr. Cash wies auf die anscheinend wartenden Autos, die immer mal wieder gehupt hatten. „Bei der Schwierigkeit, auf dem derzeit restlos leer gefegten Personalmarkt neue Mitarbeiter zu akquirieren, muss man sich etwas einfallen lassen. Unsere Firma hat den Suchauftrag einer großen Werbeagentur für engagierte und unkonventionelle Texter, die im Home Office für Großkunden aus den verschiedensten Branchen unkonventionelle werbliche Ideen und dazu passende Texte ersinnen und verfassen sollen, die sich aus dem derzeitigen Main-Stream herausheben und sogar mit selbstironischen Anspielungen Persönlichkeiten zur Mitarbeit gewinnen sollen, die  bisher auf konventionelle Weise nicht ansprechbar waren.“

Mein Kleinhirn war verblüfft und musste zugeben, dass es eine derartige Ansprache vom der zuerst nicht so ansprechenden Lederhose nicht erwartet hatte. Ehe es sich sogar für seinen Irrtum richtig entschuldigen konnte, fuhr Mr. Cash fort:

„Damit die Anwerbung gleich die ‹richtigen› Leute anspricht, sind wir dabei selber mit einem in diesem Sinne guten und passenden Beispiel vorangegangen. Das übrigens auch nicht teurer ist als eine konventionelle Werbeaktion.

Sie, Herr Steilmeier, haben auf diese Werbung angesprochen. Ihr Spruch mit den beiden Rappen als Wiederbelebung einer alten Redensart hat mir gefallen. Sie sind unser Mann!“, sagte er und drückte mir seine Visitenkarte in die Hand. „Haben Sie heute Abend zwischen 17 und 20 Uhr schon etwas Interessantes geplant? Also dann kommen Sie in unser Assessment-Center in der Schillerstraße 27. Der Straßenname passt zu unserem Anspruch: Wir suchen die besten Texter.

Für ihre Rappen“, wies er auf meine Schuhe, „habe ich auch schon einen Kunden im Hinterkopf, den wir damit vielleicht überzeugen können. Übrigens, wir bewirten Sie heute Abend nicht nur mit den hier versprochenen Brötchen und Bouletten, sondern haben auch ein schönes Büffet. Also, sind Sie dabei?“

Da meldete sich wieder mein Kleinhirn: „Betreffs der Einladung zum Abendessen hat sich soeben der Magen gemeldet und intensiv zugestimmt!“ Derart überstimmt zeigte ich meinen Rappen den Weg in die Schillerstraße. Seither lasse ich sie jedes Mal zuhören, wenn ich mit viel Phrasenklang und Wortgebimmel die Tastatur meines PCs werblich klappern lasse.

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  1. Ähnlichkeiten zu irgendwelchen bekannten Firmennamen sind natürlich fernliegend und nicht beabsichtigt.

 

  1. SCR-Katalysator, reduziert durch selektive katalytische Reaktion Stickoxide (NO, NO2) im Abgas.

 

  1. Zukünftige Verbrennungsmotoren mit besonderen Abgas-Filtern sollen bei der Verbrennung von feinstaubhaltiger Luft einen Teil der brennbaren Feinstäube intern abbrennen, ohne dass neue andere Feinstäube dabei freigesetzt werden. Dieser Effekt kann jedoch nicht auf Kohlenmonoxid und Kohlendioxid übertragen werden.

 

Detlev Stupperich, 15.11.2019