Er ließ die Hoteltür hinter sich zufallen.

Der Wind traf ihn hart, ein gewaltiger Schlag gegen seinen ganzen Körper.

Gut so.

Die kalte Wucht war genau das, was er brauchte.

Er schlug den Weg hinunter zum Strand ein.

Die Fernsehbilder wirbelten durch sein Gehirn. Die vom Erdbeben zerstörten Straßen, Brücken, Häuser – Massen von Betonwänden zerbrochen wie ein Häufchen kaputtes Geschirr, Tonnen klotzigen Asphalts hingefetzt wie zerrissenes Papier …

Schon schlimm genug einfach so. Für einen, der da vorm Fernseher saß und sich diese fremden Verheerungen ansah.

Aber für ihn war es – sein eigenes.  Auch wenn es ihm nicht gehörte. Auch wenn es schon lange her war, dass er es entworfen hatte.

Der Höhepunkt seiner Karriere als Architekt. Hochfliegende Pläne, große Träume – der große neue Wurf, das weltberühmte Design … Das Gebäude hatte auch einen bedeutenden Architekturpreis gewonnen, er erinnerte sich noch, wie er stolz in die Kameras gelächelt hatte.

Na ja, letzten Endes war es dann doch nur ein weiteres Bürohaus geworden, eigentlich.

Ein gigantisches, immerhin. Riesig, wuchtig, solide. Ein erfolgreiches Großprojekt. Etwas für die Ewigkeit.

Und seins.

Sein größtes Projekt. Bis jetzt. Wahrscheinlich überhaupt. Viel würde nicht mehr kommen, für ihn.

Sein großartigstes, stolzestes Baby.

Wenn diese gigantischen Erdrülpser es jetzt zerstörten – dann war alles weg. Nichts mehr Nennenswertes übrig.

Was blieb dann von ihm? Eine Handvoll Parkhäuser, Tiefgaragen, ein paar Fertighaustypen in Katalogen – sein Butterbrotgeld in den letzten Jahren.

Schlimme Nachbeben wurden erwartet, genau in der Gegend. Weiteres in den nächsten Nachrichten …

Am Strand unten war der Wind nicht so stark wie oben auf den Klippen, die Luft mild unter der fahlen Sonne.

Er lief über den Sand – fester, leicht feuchter Sand – das Kind im Baumeister, der Baumeister im Kind erwachte.

Er grub mit den bloßen Händen, genoss das Gefühl der festen, körnigen Sandklümpchen, die sich unter seine Fingernägel pressten.

Er buddelte ein bisschen. Eine kleine Sandburg, ein Sand-Drachen, noch eine kleine Burg – schnell gebaut, schnell wieder kaputtgewischt.

Aber dann – Bilder in seinem Kopf, Pläne, der Entschluss.

Er schob die Ärmel seines Mantels hoch . Er würde nicht nur buddeln, herumspielen – er würde erschaffen.

Erschaffen. Planen und bauen. Sein Leben.

Die Krönung der Bauwerke.

Ein Schloss.

Ein Sandschloss. Sein Sandschloss.

Das sollte es werden.

Er häufte, formte, nahm weg, fügte hinzu, hob Gräben aus, modellierte Ornamente, strich mit der Handkante Schwünge glatt, trat zurück, besserte aus, startete neue Baurunden …

Schließlich nickte er zufrieden.

Es war genauso, wie er es geplant hatte. Schön gestaltet. Geschickt ausgeführt. Ein rundes Werk. Und einzigartig.

Schade, dass er keinen Fotoapparat dabeihatte.

Denn natürlich war das hier vergänglich.

So unendlich vergänglich, so empfindlich – alles würde in vielleicht zwanzig Minuten zerstört werden, wenn die Flut die Wellen hochtrieb.

Bei seinem nächsten Strandspaziergang würde das Schloss schon weg sein.

Weg wie nie dagewesen. Weggeleckt von den Wellen, das Fleckchen Sand glattpoliert von der Wucht der Flut. Spurlos verschwunden.

Er ging zurück zum Hotel und schüttelte etwas Sand aus dem Haar.

Er trank Whisky an der Bar, viel Whisky, döste in dem niedrigen Sessel weg …

Sandräume – Sandträume – Schattenträume – Traumschäume …

Als er aufstand, schüttelte er sich.

Die verspielten Träume eines Strandspaziergangs, Launen im Wind, vom Wasser überspült.

Aber jetzt, das Leben. Das wirkliche Leben. Das ernste.

Die Nachrichten.

Sein Baby. Zerschmetterter Beton. Direkt im Bild. Ganz kurz nur, gestreift.

Aber die Gewissheit.

Vorbei. Nichts mehr übrig.

Er trank noch mehr Whisky.

Schließlich hielt er es in der Bar nicht mehr aus.

Benommen stolperte er wieder zum Strand hinunter.

Hielt das Gesicht in den kalten, scharfen Wind.

Hoffte auf die betäubende Wirkung der rhythmisch klatschenden Wellen.

Schlenderte ziellos den Strand entlang.

Und da war es.

Sein Sandschloss.

Thronte auf einer eigenen Festungsinsel. Die Wellen waren dort hingerollt, hatten hin- und hergespült, herumgespielt, waren wieder abgezogen.

Das Sandschloss stand.

Hoch und fest.

Immer noch.