„Immer dieser pseudo-englische Mist“, ich starre den kleinen Plastik-Kerl an, ich schaue ihm direkt in das, was seine Augen sein sollen. Aber ich rede mit dem Typen vom Toursimusbüro, der daneben steht.

„ ‚Robo-Guide‘ klingt eben besser, als wenn man sich das jetzt unbedingt auf Deutsch abkrampft“, er zuckt die elegant jackettierten Achseln. „ ‚Robo-Führer‘, das klingt doch blöd – doppelt blöd. ‚Fü‘ ist einfach irgendwie ein unangenehmer Laut, finde ich. Und wir sind hier ja schließlich in Deutschland, da sollte man das mit dem Führer doch nicht unbedingt pushen, oder?“

Er schaut mich vorwurfsvoll an, als ob ich persönlich ein Holocaustleugner wäre. Und das mir, wo ich mir was darauf zugutehalte, dass ich der Typ bin, der in der Hitlerzeit geradezu beleidigt gewesen wäre, wenn man mich nicht mindestens in ein Konzentrationslager geschickt hätte.

Aber was soll ich mich mit dem Bürschchen rumstreiten, ich will jetzt los, die Stadt entdecken.

„Wie bedient man den denn?“

„Überhaupt nicht. Er wird Sie bedienen.“

„Wie soll der mich denn bedienen, ich habe keine Knöpfe oder Schalter.“

„Natürlich nicht. Ich meinte, bedienen im Sinne von Service.“

„Also gut. Aber wie starte ich ihn denn?“

„Das brauchen Sie nicht.“

„Ah ja, das machen Sie also. Und Sie stellen auch die richtige Sprache ein und so?“

„Nein, das macht er alles selber.“

„Wie denn?“

„Er wird auf Sie eingehen.“

„Eingehen?“

„Ja, er wird von Ihnen lernen.“

„Ich dachte, ich lerne was von ihm, über die Stadt?“

„Ja, sicher. Aber zunächst mal wird er Sie abchecken. Ihre Interessen, Vorstellungen undsoweiter, damit er Sie optimal bedienen kann.“

„Und wie wird er mich – abchecken? Muss ich mich da unter seinen Superbeam legen, wie bei den Aliens unterm Spaceship, oder was?“

„Nein, natürlich nicht, er ist ja kein Alien. Sie werden einfach ein bisschen Konversation machen, das reicht. Und er hört ja auch jetzt schon mit, er lernt dabei die ganze Zeit.“

„Was lernt er denn?“

„Na, halt wie Sie so ticken. Damit er weiß, ob Sie sich mehr für mittelalterliche Kirchen oder zeitgenössische Architektur interessieren, ob Sie lieber in Kneipen oder Cafes gehen, ob sie richtig viel Zahlen und Daten wollen, oder ob er Ihnen lieber anzügliche oder schwarzhumorige Anekdoten erzählen soll, alles sowas.“

„Vielleicht will ich ja nicht, dass er weiß, wie ich ticke...“

Der Touri-Boy lächelt ölig gegen mein Stirnrunzeln an.  „Wieso, Sie haben doch sicher nichts zu verbergen?“

„Natürlich habe ich was zu verbergen – jeder halbwegs intelligente, komplexe, interessante Mensch hat was zu verbergen. Sie nicht?“

Sein öliges Lächeln verschwimmt leicht. Während er noch überlegt, wie er darauf antworten soll, erkläre ich: „Ich hab es mir anders überlegt – ich möchte lieber einen Menschen. Als Guide. Als Führer. Stadtführer.“

„Das geht nicht – zwei sind krank, die anderen beiden sind in Urlaub, und einer ist unterwegs.“

„Sie haben nur fünf?! Für so eine große Stadt? Das reicht doch hinten und vorne nicht.“

„Vorne schon, hinten halt manchmal nicht“, er grinst mich unverschämt an, weil er weiß, dass ich diese Stadtführung unbedingt machen möchte, weil ich nur noch heute hier bin. „Aber dafür haben wir inzwischen eine große und ständig wachsende Flotte von Robo-Guides. Ich schlage vor, Sie probieren es einfach mal miteinander, okay?“

Er schenkt dem Robo-Guide ein fast liebevolles Lächeln, und mir ein professionelles.

„Ich wünsche Ihnen beiden viel Spaß!“

Damit weist er mich in Richtung Tür.

Als ich zögernd nach draußen gehe, setzt sich das kleine weiße Plastikmännchen ebenfalls in Bewegung. Und fängt an zu reden, mit einer erstaunlich gut gemachten Stimme. Er erinnert kaum an Stephen Hawking, oder an die automatisierten Stimmen, die einem manchmal entgegenquäken. Freundlich sagt er: „Guten Tag, ich freue mich, dass ich dich begleiten darf. Wie heißt du?“

Den Austausch von Floskeln hat er vermutlich drauf – aber was macht er, wenn ich ihm echt unfreundlich komme?

Er wiederholt seine Frage: „Wie heißt du, bitte?“

„Das geht dich nichts an. Und ich verbitte mir, einfach geduzt zu werden, für dich bin ich immer noch Sie.“

Einen Moment lang ist er sprachlos. Dann fragt er nach: „Du möchtest anonym bleiben?“

„Ja“, rutscht es mir heraus – und ich bereue das gleich wieder. Ich hätte jetzt nein sagen sollen, dann wäre er vielleicht verwirrt. So macht er einfach unvermindert freundlich weiter: „Das ist okay. Wie lange hast du für unsere Stadtführung Zeit?“

„Zehn Stunden“, fordere ich ihn heraus.

„Aha. Nun, die normale Dauer dieser Stadtführung ist zwei Stunden. Was würdest du denn gerne sehen?““

„Den Puff, das Gefängnis und den Ort, wo hier Hexen verbrannt wurden.“

Während er das verarbeitet, überlege ich mir, ob das so eine gute Idee war. Das wird vermutlich alles aufgenommen und irgendwo gespeichert. Der Touri-Boy weiß ja, wer ich bin – und vielleicht hören die nachher den Speicherchip ab, ich kann die feixenden Kommentare quasi schon hören – und womöglich posten die das dann im Internet …

Schnell beschließe ich, dass es Zeit ist, den Spieß umzudrehen: Jetzt frage ich ihn aus.

„Wie heißt du?“

Er pariert: „Wie möchtest du mich nennen?“

„Plastikschrott.“

„Okay, danke, dann heiße ich jetzt Plastikschrott.“

Die vom Touri-Büro hätten ihn einfach Charlie nennen sollen, oder Horst. Irgendwas festes. Dieses Auf-mich-eingehen ist ja gut und schön, aber es kann nerven.

Trotzdem frage ich weiter: „Wie alt bist du?“

„Ich bin erst sechs Monate alt. Möchtest du meine Technischen Daten wissen?“ bietet er mir großzügig an. „Viele Menschen interessieren sich für meine genaue Funktionsweise, aber es dauert ein bisschen lange, das alles zu erklären. Ich kann dir gerne einige interessante Links dazu auf dein Smartphone schicken.“

„Nee danke. Ich will jetzt eine Stadtführung machen – Plastikschrott.“

Dann verblüfft er mich mit: „Ein offizielles Bordell gibt es hier in der Stadt nicht. Es gibt zwei Gefängnisse in der Region, eine JVA etwa eine Dreiviertelstunde Fußweg von hier, und eine Jugendstrafanstalt rund zehn Kilometer südlich der Stadt. In dieser Stadt gab es keine Hexenverbrennungen, jedenfalls gibt es dazu keine Informationen.“

Ich erinnere mich wieder: Danach hatte ich ja vorhin gefragt, und wie ein Hund, der einen Knochen zwischen den Zähnen hat und nicht loslässt, hat er daran festgehalten. Plastikschrott vergisst nichts.

„Möchtest du zur JVA laufen?“ fragt er mich nun.

Ich seufze. „Nein, ich möchte zu einer schönen Kirche. Aber nur gucken, also laber mich nicht zu mit lauter geschichtlichen und theologischen und sonstigen Infos zu dem Teil, okay?“

„Okay“, sagt er. Aber meint er das auch? Hat er überhaupt auch nur annähernd kapiert, was ich will? Oder nicht will?

„Wir haben mehrere schöne Kirchen“, erklärt er nun. „Ich würde vorschlagen, wir gehen zu St. Marien, das ist nicht weit, keine drei Minuten zu Fuß.“

“Hältst du mich für faul?“ frage ich beleidigt.

„Du bist sicher nicht faul. Aber ich habe bemerkt, dass du langsam gehst und immer wieder stehenbleibst. Also denke ich, dass du einen nicht so weiten Weg bevorzugen würdest.“

Am liebsten würde ich ihn nun nach einem Fitnesscenter fragen, aber eigentlich will ich jetzt wirklich zu einer Kirche, und das sage ich ihm auch.

„Bitte folge mir“, er wackelt nun vor mir her. Dabei plappert er munter weiter. „Auf dem Weg liegt auch gleich noch das Rathaus, und ein interessanter Brunnen, der vor einigen Jahren von einem örtlichen Künstler gestaltet wurde. Möchtest du das sehen?“

„Ich mag keine moderne Kunst“, knurre ich.

„Keine Angst, der Brunnen ist traditionell gestaltet. Sehr hübsch.“

Ein menschlicher Führer würde das jetzt womöglich sarkastisch meinen, und ich müsste mich als Kunstbanause fühlen. Aber Plastikschrott kann nicht sarkastisch sein. Oder?

Tja, irgendwie hat das tatsächlich seine Vorteile, gegenüber Plastikschrott kann ich mich benehmen wie die letzte Sau, ohne dass ich irgendwelche Konsequenzen fürchten muss.

Na ja, außer wenn die doch den Speicherchip –

Egal, jetzt bin ich ja sowieso auf einem ganz braven Stadtführungs-Standardweg.

Kritisch starre ich dann den Brunnen an, der mit viel buntem Glas gestaltet ist, und muss zugeben: „Ja, der ist tatsächlich ganz hübsch.“

Plastikschrott legt kokett das Köpfchen zur Seite: „Siehst du, ich habe dir nicht zu viel versprochen, oder? Und da drüben ist auch gleich das Rathaus.“

Aus dem eher langweiligen Kasten tritt nun ein Mann. „Das ist der Bürgermeister“, erklärt Plastikschrott – Kameras, Bilderkennung und mobiles Internet, davor ist keiner sicher.

Und Plastikschrott schiebt auch eine lange Erklärung nach, wie der Bürgermeister sich für die Einführung und den Ausbau der Robo-Guide-Flotte stark gemacht hatte – nein, das ist nicht bloß eine Erklärung, das ist eine Laudatio für einen Helden. Dabei wirkt der Bürgermeister irgendwie schmierig, auf jeden Fall unfreundlich; gerade raunzt er jemanden an, dass er die nächsten Stunden nicht zu sprechen ist. Aber Plastikschrott singt unbeirrt sein Loblied auf ihn.

Polit-Propaganda ist das, denke ich ärgerlich. Ja, für Werbezwecke ist so ein Robodings natürlich bestens geeignet. Mir wird klar, dass es nur ein Zufall ist, oder ein vorläufiges Versäumnis, dass er mir nicht diskret den Weg zum nächsten nicht‑offiziellen Puff gezeigt oder mich zur örtlichen Buchhandlung geschleppt hat, damit ich da einen Krimi oder ein Buch über Hexenverbrennung kaufe. Er hat mich auch nicht in eine Kneipe gelotst oder mir die Pralinen einer Konditorei in der Nähe empfohlen. Aber das alles und viel mehr wird wahrscheinlich noch rumkommen.

Okay, menschliche Stadtführer machen sowas durchaus auch, manche, manchmal, und sie sacken in den Kneipen oder Läden Kommission ein. Aber so ein Robo-Guide, der sollte doch – der sollte doch nicht –

Ach was, es ist einfach zum Kotzen. Die Menschen und die Maschinen und überhaupt.

Mich packt ein Primitiv-Impuls: Den Robo-Guide hier und jetzt kurz und klein schlagen - vielleicht die Elektronik ausweiden, sind ja alles Rohstoffe, bringt ja Geld – sich daran weiden, wie die Splitter fliegen und das Ding, ja: Ding, zu einem rauchenden Haufen Schrott wird. Echter, ehrlicher Schrott.

Aber nein, ich bin ja ein zivilisierter Mensch und das bedeutet: Sich seinen Impulsen zu stellen, aber ihnen nicht einfach nachzugeben, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen und einen Weg zu finden, dem auch der Kopf zustimmen kann.

Na gut, also nicht zuschlagen.

Umwidmen.

Irgendwoher dringt dieses Wort in meinen Kopf. Ich will es schon ungeduldig beiseiteschieben, da kommt mir: Das wäre eine Idee. Und eine Idee, die wäre, die ist schon, man muss es nur noch kapieren …

„He Plastikschrott, kannst du dem Bürgermeister unauffällig folgen? Ihn ausspionieren? Und dann die Ergebnisse an die örtliche Zeitung liefern?“

Einen Moment lang bin ich unsicher, ob er es verstanden hat. Doch dann kichert er auf einmal, ein echt fröhliches Geräusch. Auf einmal wirkt er viel intelligenter, viel lebhafter: „Du meinst, wie in Spionagefilmen? In geheimer Mission?“

„Genauso. Also, du tauchst jetzt unter, versteckst dich vor dem Typen aus dem Tourismusbüro und folgst dem Bürgermeister so lange, bis du einen Skandal aufspürst. Okay?“

„Okay“, erwidert Plastikschrott eifrig.

Mir kommen Zweifel – das hat er doch bestimmt nicht alles verstanden?

„Weißt du, was ein Skandal ist?“ frage ich vorsichtig nach.

„Na klar: ein Geschehnis, das Anstoß und Aufsehen erregt.“

Die Definition hat er aus einem Wörterbuch, denke ich enttäuscht, aber dann schiebt Plastikschrott nach: „In Verbindung mit unserem Bürgermeister wären das zum Beispiel heimliche Verhandlungen mit seinem politischen Gegner, oder wenn er seine Frau betrügt, oder wenn er sich von einem Bauunternehmer bestechen lässt, oder wichtige Fakten unterschlägt, damit das neue Gewerbegebiet am Naturschutzgebiet realisiert wird. Und ich habe die Kontaktdetails der Chefredakteurin der örtlichen Zeitung, und die Nummer der News-Hotline des Lokalsenders.“

„Du hast es ja wirklich kapiert“, freue ich mich.

„Meine Algorithmen sind gut“, meint er bescheiden.

„Dann mach dich langsam auf den Weg, sonst verschwindet der Bürgermeister.“

„Ich habe ihn noch voll im Blickfeld. Ich muss ja sowieso Abstand halten, damit es ihm nicht auffällt, dass ich ihn verfolge. Ansonsten muss ich mir eine Geschichte ausdenken, warum ich das mache. Aber das ist einfach. Ich kann an seine Eitelkeit appellieren, das funktioniert immer. Ich will noch mehr von ihm wissen, damit ich ihn besser loben kann, sowas in der Art.“

„Nicht schlecht“, ich nicke anerkennend.

„Sage ich ja, meine Algorithmen sind wirklich gut. Verrätst du mir jetzt zum Abschied doch noch deinen Namen?“

Na ja, das hat er verdient, und ist ja eigentlich auch egal. Ich sage Plastikschrott also meinen Namen, und er bedankt sich artig.

Als er davonwackelt, kommen mir Zweifel, weil ich ihm meinen Namen genannt habe: Hat der mich jetzt – ausgetrickst? Manipuliert? Ist er viel intelligenter, als er mich glauben gemacht hat?

Macht das was?

Was macht das?

Und was denkt er jetzt von mir …?