Advent, die Zeit der Ankunft oder die Zeit der Erwartung der Geburt Jesu Christi sollte eigentlich für Kinder eine freudige Zeit vor Weihnachten sein.

In meiner Kindheit war das etwas anders. Pünktlich am ersten Advent wurde uns in der Schule von unserem Pfarrer im Beisein der Lehrerin in der ersten Stunde ein Bastelbogen aus Karton ausgehändigt. Mit Spaß und Freude falteten wir die perforierten Stellen und steckten das kleine Pappkirchlein in wenigen Minuten zusammen. Auf der Vorderseite blickte uns ein kleines Negerlein mit Kulleraugen und ausgestreckter Hand sehnsüchtig an. Die Bitte um eine Spende war auch für uns Kinder sofort zu erkennen. Am auffälligsten war der große Einwurfschlitz im Dach. „Adveniat“ prangte auf allen Seiten, um diese christliche Aktion auch marktgerecht zu präsentieren.

Die Spaßbremse folgte in Form eines klaren Aufrufes des Pfarrers. Wir sollten möglichst viel sammeln und auch daran denken, dass wir im nächsten Jahr zur Erstkommunion gehen.

Der Schreck, vielleicht nur eine halbe Hostie bei der Erstkommunion zu erhalten, oder ganz von diesem wichtigen Tag in unserem Kirchenleben ausgeschlossen zu werden, saß allen tief in den Gliedern.

Nun waren uns Worte wie „Taschengeld“ zu dieser Zeit völlig unbekannt. Ersparnisse – soweit überhaupt vorhanden - waren in sicherer Obhut der Eltern. Mithelfen im Haus, wie Holz holen, einkaufen oder Kartoffel waschen wurden bei uns zu Hause leider ohne pekuniäre Gegenleistung als selbstverständlich erwartet. Gelegentlich erlebten wir mit, dass nahe Verwandte oder Bekannte 50 Pfennige für einen Gang zum Metzger Bumm erhielten. Einen Eimer Stein aus dem Garten ablesen brachte einem Nachbarn eine glatte Mark ein. Damit konnte man 10 Tage bei Max Haag je einen Mohrenkopf zu 10 Pfennig kaufen: Diese Verschwendung kam uns schon fast als sündhafter Reichtum vor.

Zum Anbetteln blieben mir nur zwei Omas mit kleinen Renten und mittellose Tanten. Bei meinen Eltern wusste ich, dass das Geld besonders vor Weihnachten knapp war. Mehrere Geschwister und weitere Patenkinder mussten mit Geschenken versorgt werden. Man wollte ja nicht „ausgerichtet“ werden!

So rückte der Termin zur öffentlichen Abgabe des schwach gefüllten Kirchleins am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien immer näher.

3,35 DM lagen vor mir auf der Schulbank. Nur eine Schulkameradin hatte weniger. Sie machte sich nichts daraus. Ihre Familie war bekannt dafür, dass sie zwei Kirchgänge im Jahr für durchaus ausreichend hielt und kroch keinem Pfarrer zu Kreuze. Der „Reichste“ hatte mehr als 14 Mark, die er stolz mehrfach laut vorzählte.

Da gab es gehöriges Lob von der Lehrerin und dem Pfarrer, der persönlich die Münzen einsammelte und einsteckte.

 

Seitdem habe ich ein Problem mit Spendenaufrufen. Tauchen bei mir professionelle Spendendrücker, z. B. die des Roten Kreuzes auf, ist Alarmstimmung. Diese Drücker haben meist ein feines Gespür für Gefahr und verziehen sich in der Regel schnell auf Schrotschussentfernung aus meinem Anwesen. Wenn der örtliche Pfarrer oder Pfarrgemeinderat seinen „Volkssturm“ zum Caritasspendensammeln in Marsch setzt, fallen an meinem Tor schon mal deutliche Worte.

 

Ich halte mich strikt an die Worte von Roland Baader: „Wer spenden will, soll spenden. Andere aber zum Spenden aufzufordern, ist unanständig, denn das geht sie nichts an!“

Spenden Sie aber trotzdem, wenn Ihnen danach ist. Spenden Sie Geld, Trost, Beifall oder Blut. Irgendwer wird es schon brauchen.