In meiner Kindheit richtete sich mit Beginn des Monats Oktober das Augenmerk langsam auf Weihnachten. Weihnachtswünsche mittels Brief an das Christkind zu schicken war damals noch weitgehend unbekannt. Man nahm, was man bekam und war sich irgendwann sicher, sich genau das auch gewünscht zu haben. Die große Frage lautete daher: „Was gibt es zu Weihnachten als Geschenk?“ Meine Eltern ließen nicht mit sich handeln. Da gab es kein Pardon. „Warte es ab! Das weiß doch nur das Christkind!“

Anders meine Tante Elise. Mit Worträtseln, Andeutungen und unvollständigen Stichworten ließ sie uns Kinder mit geradezu diabolischem Grinsen zappeln und raten.

Blieb nur mein Onkel und Taufpate Anton. Tagelang bekniete ich ihn und bettelte um einen kleinen Hinweis. „Was kriege ich zu Weihnachten?“

Irgendwann war er mürbe und verriet: „Du kriegst eine Krachedi!“

Ich war das glücklichste Kind im Universum: Ein Gewehr, ein richtiges Gewehr, das Wertvollste, was man als Bub besitzen konnte. Ich sah in meinen Tagträumen schon Körbe voller erlegter Spatzen vor mir aufgereiht. Sicher würde der eine oder andere Bauer fünf Pfennig für jeden abgeschossenen Futterdieb springen lassen. Später waren es Hasen und Rebhühner, die ich in meinen schon fast fiebrigen Wahnvorstellungen beschlich und nach langer Pirsch zur Strecke brachte.

In meinem Zimmer brachte ich provisorisch eine Halterung an, um zum einen die Waffe immer griffbereit zu haben und zum anderen sie jederzeit vom Bett aus bewundern zu können.

Der komplette Advent bestand aus Warten und Sehnen auf den Tag X.

Der Heiligabend kam nur zäh und schleppend. Fünfmal, viermal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstach. Dieses Lied hätte von mir kommen können.

Endlich war es soweit. -

Der Christbaum erstrahlte im Kerzenlicht und die vorgeschriebenen Pflichtlieder waren gesungen. Nun ging es zur Bescherung.

Mit fachkundigem Auge hatte ich schon alle Päckchen auf Waffenlänge begutachtet. Eines mit einer viel versprechenden Größe war nicht darunter. War die Waffe vielleicht zerlegbar oder war es ein Revolver? Auch nicht schlecht.

Als mir ein mittelgroßes Päckchen überreicht wurde, war ich verunsichert. Der Inhalt fühlte sich weich an, ließ sich verbiegen und war vom Gewicht her gar nicht waffenähnlich. Mit zittrigen Fingern und böser Vorahnung riss ich rigoros das Geschenkpapier weg.

Ich war entsetzt! Zum Vorschein kam eine Hose, eine kurze Lederhose, eine „Krachlederne“ oder „Krachedi“, wie sie in der Umgangssprache genannt wurde.

Wutentbrannt warf ich die Hose in die Ecke und schrie: „Ich will ein Gewehr! Die Lederhose ziehe ich nicht an. Ich pfeife drauf!“

Weihnachten war gelaufen. Woller Wut und Trotz packte ich keine weiteren Geschenke aus und wollte auch kein Plätzchen essen. Die Enttäuschung hielt lange an. Ich beschloss, künftig keine Geschenke mehr zu wollen und mir alles, was ich wirklich wollte, selbst zu kaufen. Meine spätere  regelrechte Geschenkphobie dürfte daher ihren Ursprung haben.

Natürlich wurden in meiner Jugendzeit hauptsächlich praktische Dinge geschenkt. Fürs Vergnügen waren spätere Jahrgänge zuständig. Trotzdem lernte ich: Erwachsene halten keine ihrer Versprechen gegenüber Kindern.

Unmittelbar darauf – höchstens 15 Jahre nach dem Vorfall - meldete ich mich zur Bundeswehr, später legte ich die Jägerprüfung ab.

Kurze Lederhosen stehen seitdem auf meiner Streichliste.