Siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, sechzig! Das ist diesmal nicht der Schlachtruf des Fußballclubs 1860 München. Nein, wir kämpfen nicht gegen Konkurrenten der Fußballbundesliga, wir kämpfen gegen die Zeit.

Wieder eine Minute vorüber. Nur noch sechsundvierzig Minuten!

So lernt man als Kind, wie lange eine Minute und vor allem eine Stunde sein kann.

Wir knien – sauber nach Buben und Mädchen getrennt - in der Trennfelder Kirche in den vorderen Reihen und frieren, denn es ist Februar. Eine Heizung gibt es nicht. Unsere dünnen löchrigen Schuhe sind nicht für solche Aktionen geeignet. Die Handschuhe, aus bereits vielfach wiederverwendeter Wolle selbstgestrickt, passen nicht. Es ist schwer zu sagen, ob die Langeweile oder die Kälte schlimmer ist.

 

Es ist „Ewige Anbetung“.

 

Der Weg ins Paradies kann hart sein. Durch die Kälte kann man an der Atemwolke genau erkennen, wer mitbetet und wer am Wegnicken ist. Nach spätestens zwei Atemzügen, die nicht im Gebetsrhythmus ausgestoßen werden, greift die Ordnungsmacht mit jenem bösartigen Zischen, das man nie mehr vergisst, ein. Es sind unsere Ordensschwestern, die einige Bänke hinter uns jede Bewegung und Geste mit Argusaugen beobachten.

Dahinter wacht in der nächsten Reihe die nächste Instanz: Die katholischen Taliban vom „Dritten Orden“. Der „Dritte Orden“ ist für uns der bewaffnete Teil der radikalen Katholiken. Nichts entgeht ihren eigentlich altersschwachen dickbebrillten Augen. Sie sehen auch mit ihren schwarzen Schleiern und Kopftüchern, ihren grausamen Blicken, vermummt in unförmige Mäntel und Säcke den heutigen islamischen Fanatikern verdächtig ähnlich.

Wir sind sicher, sie würden uns bei der geringsten Verfehlung sofort dem Scheiterhaufen übergeben.

 

Eigentlich gehen wir alle gerne zur Kirche. Die schönen lateinischen Gesänge, die Messgewänder, Fahnen, Weihrauch, Krippe an Weihnachten, die Feierlichkeit und Andacht sind aus unserem Leben nicht wegzudenken.

Der Besuch der Sonntagsmesse, danach mittags die Andacht, dazu mehrfach Frühmessen vor der Schule sind selbstverständlich. Wenn man in einem katholischen Haushalt auf dem Dorf in Franken aufwächst und eine bigotte Tante an der religiösen Erziehung mitwerkelt, stehen solche Dinge nicht zur Diskussion. Geht es doch darum, das Seelenheil der Erzieher aus Elternhaus und Schule auf Kosten von uns Kindern zu retten und deren Weg ins Paradies zu ebnen. So wurde es ihnen zumindest seitens der Kirche eingetrichtert.

 

Am liebsten sind mir die Maiandachten mit Marienliedern, Mai-Altar und all die schönen Lieder.

 

Nur die „ewige Anbetung“, die verleidet alles.

 

Im Mittelalter eingeführt, dient sie dazu, dass in jeder Diözese permanent Gebete gesprochen werden. Dazu wird jeder Kirchengemeinde ein Tag zugewiesen, an denen sie für das Gotteslob zu sorgen hat. Der Kalendertag bleibt immer gleich. Es wird stundenweise gebetet. Nach jeder vollen Stunde wechselt der erschöpfte Vorbeter im Altarraum ab.

 

Meine Mutter verdonnert uns Kinder zu mindestens drei, besser vier Stunden Beten. Nach dem Unterricht geht es meist um 14:00 Uhr zum ersten Gang, danach rausgehen und sofort wieder rein. Das ergibt zwei Punkte in der Paradiesralley. Pause bis 17:00 Uhr, danach nochmals dieselbe Qual. Wer nicht Fieber, Kopfschmerzen oder Ohnmacht vortäuschen kann, muss zum Abschlussgottesdienst um 20:00 Uhr nochmals ran.

 

Es gibt verschiedene Prozeduren bei dieser Stundenbeterei. Manchmal werden Fürbitten im Wechsel mit der Kirchengemeinde gebetet, oder es wird etwas vorgebetet und die Gemeinde betet nach. Wir wissen genau, welcher Vorbeter welche Folterinstrumente gegen uns einsetzt. Es gilt, die schlimmsten Quäler zu vermeiden. Der alte K., Dorfpolizist, Gemeindediener, Ausscheller und Vater der „Mütter  aller Ewigen Anbetungsschlachten“ lässt uns gefühlte 500 „Vaterunser“ murmeln, dazu ebenso viele „Gegrüßetseistdumaria“. Bis zur Erschöpfung! Ich kontrolliere die Zeit mit meiner neuen Junghans-Armbanduhr alle zwei Minuten. Zum Schluss wird der Vorbeter merklich langsamer. Es gibt eigentlich nur einen oder zwei Höhepunkte in dieser Stunde. Das ist, wenn Herr K. einen seiner ausgiebigen Niesanfälle bekommt. Sobald seine Gebete stocken, er den Kopf in den Nacken legt und hektisch in seiner Hosentasche kramt, geht ein heimliches vorsichtiges Grinsen über die Gesichter der Buben. Schafft er es oder schafft er es nicht?

Meist geht der Niesanfall los, bevor er das schützende Taschentuch vor das Gesicht bekommt.

Selbst gestoppte drei Minuten dauert es, bis er danach Gebetbuch und Hand einigermaßen trockengelegt hat.

Danach geht es unerbittlich weiter. Man darf nicht sitzen oder stehen wie in einer normalen Messe, sondern muss auf den Knien büßen. Wenn die Stunde entgegen aller Hoffnung doch irgendwann endet, kann man zunächst kaum aufstehen.

Mit steifen Kniegelenken verlässt man die Kirchenbank, hinkt zum Ausgang und nimmt seinen Ablassschein in Empfang.  

Natürlich hat das monotone Gemurmel seine Tradition und machte früher auch Sinn. Viele fromme Menschen konnten weder  lesen noch schreiben. So konnte jeder mit dem Mitmurmeln der wenigen auswendig gelernten oder vorgesprochenen Gebete seinen Beitrag zur ewigen Anbetung leisten.

Die Erfindung der Gebetstrommel erscheint mir plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Ich frage mich, ob alle in die Hölle kommen, die nicht mindestens drei Stunden anwesend sind.

Wer nicht in die „Ewige Anbetung“ geht, kann den Fehlbestand an gesprochenen Gebeten doch nie mehr aufholen. Das Paradies wurde uns von Lehrern und Erziehern sowieso als unerreichbare Illusion dargestellt. Maximal das Fegefeuer könnten wir mit zahllosen Gebeten, viel gutem Willen und Einsatz erreichen.

Also kehre ich frierend wieder um und hoffe, dass ich mir mit dieser dritten Stunde vielleicht ein paar Tage Fegefeuer erspare. Manchmal frage ich mich, ob die Hölle wirklich so schlimm sein kann.