Bei uns zu Hause im Garten oben links steht eine mächtige Zypresse. Unter den mittlerweile weit ausladenden Ästen, direkt am Zaun, hat ein Volk großer roter Waldameisen seinen Bau angelegt. Er reicht durch die Ligusterhecke bis ins Nachbargrundstück, eine verwilderte Streuobstwiese. An der Basis hat er bestimmt zwei Meter Durchmesser und ist mehr als einen Meter hoch. Gerne setze ich mich an sonnigen Tagen – mit dem Rücken an den Baum gelehnt – an den Bau und beobachte das muntere Treiben. Zweige, kleine Tiere, Rindenstücke und Pflanzen werden scheinbar im Chaos, aber doch zielstrebig, in den Bau transportiert. Dabei sind die Insekten absolut friedlich. Sie klettern neugierig an meinen Beinen hoch oder lassen sich von mir mit der Hand von einem Platz zum nächsten bringen. Mit einigen von ihnen habe ich mich richtig angefreundet.


Auch heute setzte ich mich am Feierabend für eine halbe Stunde unter den Baum. Als ich mich niederlassen will, ruft und piepst es schon:

„Bist du verrückt, kannst du nicht aufpassen? Willst du uns zerquetschen?“

Ich hebe ein Stück Rinde zur Seite und entdecke sechs Ameisen, wie sie gerade ein kleines Nest mit Insektenlarven plündern.

„Ach, du bist es, Django! Tut mir leid, ich habe dich nicht gesehen.“

„Hallo, Herbert, ich wollte schon zum Angriff übergehen und habe dich gerade noch rechtzeitig erkannt!“

Django ist ein prächtiger Bursche, kräftig, groß, mutig. Er fürchtet weder Tod noch Teufel. Bei ihm sind Walter, Elsbeth, Hobble-Frank (ihm fehlt seit einiger Zeit ein Hinterbein, daher hinkt er beim Laufen), Charly und Franz.

Ihre richtigen Namen lauten natürlich anders. Das „Emsisch“ ist aber schwer auszusprechen und außerdem legen meine Freunde Wert auf Diskretion. Da sie wissen, dass ich ihre Geschichtchen manchmal zu Papier bringe, stellten sie die Bedingung, nicht ihre richtigen Namen zu verwenden. Es wird auch von der Bauleitung nicht gerne gesehen, wenn Internes nach außen dringt. Der Chef soll recht humorlos sein.

„Wolltest du mich k.o. schlagen?“, frotzele ich. „Komm, ich hebe dich hoch, damit du an mein Kinn kommst!“

„Aua!“, schreie ich erschrocken auf, „schlagen darfst du, aber doch nicht Säure verspritzen!“

„War doch nur Spaß, leg ein zerdrücktes Grasblatt auf die schmerzende Stelle. Es vergeht dann schnell.“

Das ist Django – wie er leibt und lebt. Immer gut drauf und für jede Rauferei zu haben.

Seine Kameraden haben mittlerweile die Larven huckepack genommen.

„Geht schon mal vor. Ich komme nach. Ihr wisst, ich habe heute noch anderes zu tun!“

Mittlerweile habe ich ihn auf mein angezogenes Knie platziert. So können wir uns praktisch Aug in Aug unterhalten.

„Wie geht es so bei euch? Was gibt es Neues im Bau?“, frage ich ihn.

„Och, es wird überall schlechter, die Abgabenlast steigt, die Überstunden werden nicht mehr vergütet. Alles wird teurer. So richtig zufrieden ist keiner.“

„Warum sollte es euch besser gehen als mir? Hauptsache gesund! Was hast du denn heute noch so Wichtiges vor?“

„Üble Geschichte. Ich muss bis morgen meine Steuererklärung fertig haben, sonst droht Ärger. Ich habe die Frist schon ein paarmal verstreichen lassen. Nun wird es ernst!“

„Was? Steuererklärung? Ich denke, euch werden die Abgaben direkt abgezogen. Wieso musst du eine Erklärung abgeben?“

„Naja, da ist so `ne Sache. Was macht dein Rasenmäher? Wann mähst du wieder?“

„Lenk nicht ab! Was ist los?“

„Gut, ich erzähle es dir. Aber wehe, wenn du lachst!“

„Großes Ehrenwort!“, beruhige ich ihn. „Schieß los!“

„Ich habe eine kleine Nebentätigkeit und verdiene mir so ein paar Honigmilben dazu. Du weißt, es reicht sonst nicht hinten und vorne.“

„Und was machst du?“, will ich nun endlich wissen.

„Ich tanze!“

„Was?“,  pruste ich lachend los. „Du tanzt!“

„Wollen wir boxen? Du hast versprochen, nicht zu lachen. Ich bin ein Meister im klassischen Tanz, außerdem steppe ich hervorragend. Letzte Woche hätte ich beinahe auf der Grillen-Dancing-Challenge den ersten Preis abgeräumt. In letzter Sekunde hat mich so ein langbeiniger Weberknecht noch abgefangen. Er hat auch zwei Beine mehr. Das ist beim Steppen von großem Vorteil.“

„Jetzt bin ich platt. Wann hast du wieder eine Aufführung? Da möchte ich gerne mal dabei sein.

Tanzt du nur allein oder auch als Paar?“

Seinen Bäckchen werden etwas rot. „Och, mal so, mal so!“

„Na?“ zwinkere ich ihm zu, „wer ist denn die Auserwählte?“

„Elsbeth! Wegen ihr habe ich überhaupt damit angefangen.“ 

„Dann wünsche ich euch alles Gute. Hier habe ich auch ein kleines Geschenk. Damit machst du sicher bei ihr Eindruck.“

Er ist wenig begeistert über den kleinen Zuckerwürfel, den ich ihm auf den Rücken packe.

„Kannst du mir das nächste Mal vielleicht Rohrzucker mitbringen. Elsbeth ist Vegetarierin und seit einiger Zeit auf dem Öko-Trip. Mit Industriezucker brauche ich ihr nicht zu kommen.

Aber ich muss jetzt wirklich los und an meine Steuer gehen.“

„Brauchst du ein paar Tricks? Fingierte Rechnungen? Beratervertrag? Ich finde da was. Steuerzahlen ist doch freiwillig!“, stichele ich.

Er wird richtig böse. „ Wir sind im Bau sozial und werden doch nicht unsere Brüder und Schwestern betrügen.“

„Dass du dich nach Feierabend in rauchigen Spelunken abplagst, dir Blasen an die Füße tanzt und trotzdem am nächsten Morgen die schwersten Lasten zu schleppen hast, findest du ok? Der faule Mario macht dafür den schlauen Max und hat es wieder mal an der Bandscheibe. Den fütterst du durch!“

„Ich weiß, die Abgaben sind aber auch wirklich hoch in unserem Bau.“

Ganz niedergeschlagen winkt er mich nahe zu sich heran und flüstert:

„Vielleicht ziehen wir nächste Woche um. Im Ameisenbau auf der Pferdewiese, kaum drei Stunden von hier entfernt, sollen die Abgaben für Selbstständige nur halb so hoch sein. Aber: Streng geheim!“

„Natürlich, also mach’s gut. Sag mir rechtzeitig Bescheid.“

 

Beim Abendessen erzähle ich meiner Frau von meinem Gespräch mit Django.

„Erzähl das bloß niemandem“, meint sie, „sonst heißt es, erst redet er mit Ameisen, dann sieht er weiße Mäuse und zum Schluss erklären sie dich für verrückt.“

„Verrückt sein, ist gar nicht so schlecht. Nur so kann man in dieser Welt überleben, ohne verrückt zu werden.“