„Los, geh zu ihr!“ Schon lange findet er nachts keine Ruhe mehr. Er steht auf, zieht sich an und macht sich auf den Weg. Die Nacht ist eisig und sternenklar. Martin spürt die Kälte nicht. Er geht schnell. Seine Atem treibt kleine Rauchwolken vor ihm her, als er die Stadt verlässt und den Feldweg hin zum Waldrand einschlägt. Mit zittrigen Fingern wählt er die Nummer seines Therapeuten im Adressbuch seines Handys. Schon öfter in den vergangenen Tagen hat er angerufen, aber jedes Mal wieder aufgelegt, noch bevor sich Dr. Valentinus melden konnte. Er hatte gehofft, er würde es auch ohne seine Hilfe schaffen. Heute gelingt ihm das nicht.

„Dr. Valentinus, sie müssen mir helfen“, fleht Martin ins Telefon. Der Arzt aus der Bezirkspsychiatrie kennt ihn gut und er weiß von der Stimme, die ihn treibt. Sie ist stärker als sein Wille. Jetzt spricht sie wieder mit ihm. Martin hat Angst vor ihr.

„Was haben Sie vor? Bitte machen Sie jetzt nichts Unüberlegtes“, redet der Arzt beruhigend auf ihn ein und schlägt vor: „Ich komme zu Ihnen und wir besprechen alles Weitere in Ruhe.“

„Zu spät“, keucht Martin ins Telefon, „ich bin schon auf dem Weg zu ihr.“

 

* * *

Der frühe Wintereinbruch hat die Landschaft mit glitzerndem Raureif überzogen und das steif gefrorene Gras knirscht unter seinen Schritten, als er den schmalen, leicht ansteigenden Weg neben dem Haus hinaufgeht. Mit seiner kleinen Taschenlampe leuchtet er den Boden ab. Keine Spuren – kein Hinweis, dass hier vor kurzem jemand gegangen ist. Er ist noch nicht da. Bei Tageslicht würde man die Schuhabdrücke sehen, aber niemand würde sagen können, wem sie gehören und wann sie dort hin gekommen sind. Das Haus am Waldrand, die Veranda, der Geräteschuppen – alles genauso, wie er es beschrieben hatte.

Und wenn Laura ihre Gewohnheiten nicht verändert hat, dann wird sie in wenigen Minuten die Jalousie hochziehen, die Terrassentüre aufschieben und die Katze füttern. In seiner Fantasie hört er die Geräusche schon: Das ruckartige Rasseln des Rollladens, das Fauchen der Glastür und das leise Klickern, wenn das Trockenfutter in den Blechnapf rieselt.

Die Katze schleicht schon ungeduldig vor dem Eingang hin und her. Als „Freigängerin“ hat sie ihren Schlafplatz im Winter im Heizungskeller, der durch eine Klappe von außen zugänglich ist.

„Hallo, Katze! Na, wie geht’s?“, flüstert er und streichelt über ihr grau getigertes Fell. Die Katze lässt sich die kleine Zärtlichkeit gefallen und schnurrt behaglich.

An der Hauswand neben der Terrassentür lehnen schmutzige Gummistiefel. Sie gehören dem anderen Mann. Dem, der jetzt bei ihr wohnt und dessen Namen er nicht kennt. Er hat schon sehr früh am Morgen das Haus verlassen – lange bevor Laura aufstehen muss. Er wird ihm nicht in die Quere kommen. Heute, an diesem eiskalten sternenklaren Wintermorgen hat er Laura ganz für sich allein. Endlich! Er muss es zu Ende bringen.

Reiß dich zusammen, sonst vermasselst du es noch, versucht er seine Ungeduld zu zügeln und dem Drang zu widerstehen, die Jalousie gewaltsam hochzudrücken. Unruhig trippelt er von einem Bein auf das andere. Das Warten ist unerträglich.

Hast du auch nichts übersehen? Du darfst jetzt keinen Fehler machen. Erspielt den Ablauf innerlich noch einmal durch. Schritt für Schritt. Er hat nicht viel Zeit – einige Sekunden – vielleicht sogar weniger. Laura ist arglos. Sie ahnt die Gefahr nicht, die vor der Tür auf sie lauert. Trotzdem, er muss vorsichtig sein, den richtigen Moment abpassen.
Und dann ist da auch noch Martin. „Ich bin schon auf dem Weg zu ihr“, hat er gesagt. Aber er kann ihn nirgendwo sehen. Vielleicht hat er es sich doch noch anders überlegt, ist wieder umgekehrt, nach Hause gegangen, ohne seinen Plan in die Tat umzusetzen. Was dann? Ach was, er wird schon kommen, wischt er die aufkommenden Zweifel beiseite. Martin hat keine Wahl – genau wie er.

Er sieht sich um. Alles, was er braucht, ist da. So, als hätte es jemand für ihn zurechtgelegt. Die Axt steckt griffbereit im Hackstock, der neben dem Kaminholzstapel steht. Es wird nicht schwer sein, sie herauszuziehen. Das Metall der stählernen Schneide blitzt unschuldig im Sternenlicht. Den Rest wird das Jagdmesser erledigen, das in seiner Manteltasche steckt.

„Sie soll sich nicht wehren! Nicht so erbärmlich schreien wie die Kaninchen, bevor sie geschlachtet werden. Sorge dafür!“, ermahnt ihn die Stimme. „Und denk dran, du bist kein brutaler Schlächter – so wie er. Du willst nur Gerechtigkeit.“

„Gerechtigkeit ja - aber ich will es genießen“,rechtfertigt er sich vor der Stimme, die eigentlich einem anderen gehört. Irgendwann ist sie in sein Gehirn gekrochen und hat sich dort eingenistet, und jetzt piesackt sie ihn – wie lästiges Ungeziefer. Er hatte versucht, sie wieder loszuwerden, sie zu verscheuchen, zu vertreiben. Er hatte sie ignoriert und sie sogar bedroht. Vergeblich. Die Stimme blieb und gehört jetzt zu ihm. Manchmal spielt sie sich auf wie ein Übervater, beherrscht ihn und schreibt ihm vor, was er zu tun hat. Dabei behauptet sie immer, sie sei im Recht und fordert Gehorsam von ihm. In diesen Momenten würde er am liebsten vor ihr davonlaufen, sich verstecken. Aber er weiß, dass es sinnlos ist, denn er kann ihr nicht entkommen. Und manchmal ist er sogar froh, dass sie da ist. Auch wenn sie ihm arg zusetzt – sie nimmt ihm die Angst vor sich selbst und gibt ihm Hoffnung. Hoffnung auf Genugtuung.

„Wenn du mit ihr fertig bist, dann gehe ich wieder“, verspricht sie ihm. „Und jetzt konzentriere dich. Stell dir vor, wie es ist, wenn ihr warmes Blut in kleinen regelmäßigen Stößen aus ihrem Körper pulst. Wie ihr Herz immer langsamer schlägt, bis es schließlich einschläft – für immer. Du weißt, was du zu tun hast“, redet die Stimme auf ihn ein. „Keine Angst, es ist nicht schwer, das kalte Herz herauszuschneiden aus ihrem leblosen Körper und es wegzuwerfen – wie einen nutzlosen Stein. Na, wie gefällt dir der Gedanke? Endlich Genugtuung! Du wirst sehen, danach geht es dir besser.“ Er weiß ,sie wird ihn nicht in Ruhe lassen – nicht, bevor sie bekommen hat, was sie verlangt.

Aber warum eigentlich Laura? Sie hat doch gar nicht mich betrogen, sondern Martin. Müsste nicht eigentlich Petra …?“ Für einen kurzen Moment zweifelt er, ob sein Plan richtig ist und ob es so, wie die Stimme ihm einzureden versucht, überhaupt funktionieren kann. Ob er ihr trauen kann?

„Pah! Laura oder Petra – egal! Und denk an deine Mutter - wie herzlos sie mit dir umgangen ist. Alle drei haben Schuld auf sich geladen und alle drei haben Strafe verdient. Laura wird stellvertretend für sie büßen“, doziert die Stimme und setzt nach: „Und du wirst Martins Vollstrecker sein. Der Feigling getraut sich ja doch nicht. Er wird dir dankbar sein. Und denk dran, so schnell kommt diese Gelegenheit nicht wieder. Vielleicht nie mehr. Also – was ist jetzt?“

„Was wird nur aus dir, wenn sie nicht mehr da ist?“, wendet sich er sich wieder der Katze zu, verwundert, dass er so etwas wie Mitleid für sie empfindet. Ein Gefühl, das er schon lange nicht mehr kennt. Irgendwann ist es ihm abhanden gekommen, so wie man etwas verliert oder verlegt. Oder wie ein Buch, das man verleiht und nicht mehr zurückfordern will. Er kann nicht mehr sagen, wann es geschah und weiß auch nicht, ob er dieses Gefühl wirklich vermisst. An seine Stelle ist eine tiefe innere Leere getreten. Eine Leere, die nicht weh tut und die ihn die seelischen Schmerzen über seine verlorene Kindheit vergessen lässt. Eine Zeit mit einer Mutter, die sich nicht um ihn gekümmert hat und ein Leben ohne einen Vater, der nicht gefunden werden wollte. „Er will nichts mit dir zu tun haben“, hatte ihm die Mutter eines Tages gesagt, ohne dass er je danach gefragt hatte und dabei war es geblieben.

Auch Petra wollte eines Tages nichts mehr mit ihm zu tun haben. Einfach so. Ohne besonderen Grund hatte sie ihn abserviert, abgelegt wie ein altmodisches Kleidungsstück, für das man sich im Nachhinein schämt, dass man es je getragen hatte. Ausgetauscht gegen einen anderen Mann. Eine bittere Erfahrung. Eine Kränkung, die hässliche Narben auf seiner Seele hinterlassen hatte.

„Ich halte das einfach nicht mehr aus. Du klammerst zu sehr“, hatte Petra ihm vorgeworfen und ihn der grundlosen Eifersucht bezichtigt. Dabei war sie seine große Liebe gewesen. Sie gab ihm die Wärme und Geborgenheit, die er so sehr brauchte. Sie hatte ihn umsorgt wie ein Kind. Ein Kind, das er bei seiner Mutter nie sein durfte.

Und dann hatte sie alles kaputtgemacht. Knall auf Fall – von einer Sekunde auf die andere. Von wegen grundlose Eifersucht! Er hatte es doch genau gehört, wie sie mit ihm telefonierte, mit ihm schäkerte. Wahrscheinlich hatten sie es sogar miteinander getrieben und sie hatte dabei gelacht vor Vergnügen und gestöhnt vor Lust.

Die Vorstellung daran empört ihn und macht ihn zornig. Auch jetzt noch, nach all den Jahren.      In seinen Gedanken ist sie schon tausend Mal gestorben – hat vor der Guillotine gekniet und in Todesangst gewartet, bis das Fallbeil auf sie niedersaust. Jetzt ist es endlich so weit.

Ich muss Martin dankbar sein, denn ohne ihn hätte ich es nie geschafft, denkt er.Martin und er sind Schicksalsbrüder. Das hat er erfahren in den vergangenen Wochen, als sie miteinander gearbeitet haben, herumgedoktert haben an ihrer verkorksten Kindheit und an ihren verwundeten Seelen. Seelen, die gebrandmarkt sind von den noch immer nicht verheilten Wunden einer verratenen Liebe. Beide Seelen dürsten nach Rache und Genugtuung. Und, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen, beide sind sie irgendwann in der Psychiatrie gelandet: Er als Arzt – Martin als sein Patient. Ich werde dafür sorgen, dass es so bleibt, beschließt er.

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