Und es begab sich, dass der König zu Lohr einen Wettbewerb auslobte. „Hol die sieben Zwerge!“, befahl er seinem Vogt. „Sie sollen mir ein wunderschönes Kunstwerk gestalten.“
„Und was ist mit dem achten Zwerg,“ fragte der Vogt zurück, „sollen wir ihn wenigstens diesmal einladen? Er ist sowieso schon stocksauer, weil er nie mitmachen darf. Jetzt hat er sogar schon öffentlich behauptet, er werde gemobbt. Die Presse spricht von einem regelrechten Zwergenaufstand in eurer schönen Stadt. Peinliche Geschichte, mein König.“
„Immer dieser lästige achte Zwerg,“ meckerte der König. „überall will er mitmischen.
Woher kommt der überhaupt?“ 
Der Vogt zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, Majestät. Aber möglicherweise handelt es sich bei ihm um einen sogenannten Neophytzwerg.“
„Ein illegaler Einwanderer sagt ihr? Nein, das geht gar nicht. So einer darf auf gar keinen Fall am Wettbewerb teilnehmen. Nur die einheimischen Mopper- und Schnüdelzwerge sollen zum Zuge kommen, bestimmte der König.
Sag den Zwergen, sie sollen eine Skulptur schaffen. Ein Mädchen mit wunderschönen langen Lockenhaaren, schwarz wie Ebenholz, einem Mund rot wie Blut und einer Haut, weiß wie der Schnee auf dem Valentinusberg im Winter.
Und damit sich keiner der Zwerge benachteiligt fühlt und ich mir nicht wieder den Vorwurf der Vetterleswirtschaft gefallen lassen muss, sollen sie ihre Werke anonym einreichen.
Sag den Künstlern, wer das schönste Schneewittchen schafft, bekommt einen Preis von 1000 Lohrer Goldmark und meine Tochter Maria Sophia zur Frau.“
Der König griff in die hölzerne Schatztruhe, die neben seinem Thron stand und ließ die Goldstücke und die kostbaren Ketten aus Edelsteinen und Perlen durch die Finger gleiten, dass es nur so klimperte.
„Aber ist das nicht ein bisschen viel Geld für ein Kunstwerk, Majestät?“, gab der Vogt zu bedenken. „Das Volk wird älter und älter und stellt immer mehr Forderungen. Jetzt wollen sie sogar schon Rollatorstreifen mit Tratschbuchten auf dem alten Pflaster in der Fußgängerzone. Das könnte ziemlich teuer werden. Und die Stadthalle ist ja auch noch nicht bezahlt.“
„Papperlapapp“, erwiderte der König unwirsch. „Die Touristen wollen Schneewittchen sehen, keine Rollatorstreifen mit ... was?“
„Tratschbuchten – die Leute wollen mitten auf der Straße stehen bleiben und sich unterhalten“, klärte der Vogt den König auf.
„Ach was! Wenn mein Schneewittchen erst mal auf dem Schlossplatz steht, hat das Volk genug Unterhaltung. Und jetzt geh er!“, sagte der König.
„Ich werde den sieben Zwergen ausrichten, was euer Majestät wünschen.“ Der Vogt verbeugte sich und tat, wie der König ihm befohlen hatte.
Das ließen sich die sieben Zwerge nicht zweimal sagen. Sofort machten sie sich mit Feuereifer daran, ihre Kunstwerke herzustellen. Und da das Preisgeld sehr hoch war, gaben sich alle sehr viel Mühe. Jeder wollte der Beste sein.
Nur der achte Zwerg war sehr wütend, weil er nicht am Wettbewerb teilnehmen durfte. Da aber die Namen der Künstler im Voraus nicht bekannt gegeben werden durften, dachte er sich einen Trick aus.
„Ha“, sagte er. „Ich werde das schönste Schneewittchen schaffen, das man je gesehen hat. Der König wird staunen.“
Und es kam der Tag, an dem der König die fertigen Werke auf den Schlossplatz bringen ließ.
Der ganze Hof war eingeladen, die Skulpturen zu begutachten. Anmutige Figuren aus Ton und Glas und Holz und Eisen und Zinn und Bronze. Eine schöner als die andere.
„Aber ich hatte doch nur sieben Schneewittchen bestellt. Woher kommt denn jetzt plötzlich das achte?“, fragte der König verwundert, als er sah, dass eine Figur zu viel angeliefert worden war.
„Ach ist doch egal. Wir müssen doch nur eins nehmen. Das dort hinten das gefällt mir am besten“, sagte die Prinzessin und deutete auf die letzte Statue in der Reihe.
Der Vogt nahm den Zettel, der am Hals der wunderschönen Schneewittchenfigur hing und begann zu lesen: Hergestellt aus dem Ton der Spessarter Lehmgruben. Glasiert mit den schönsten Farben unserer Heimat. Gebrannt im Ofen der Lohrer Manufaktur.
„Das lob ich mir“, sagte der König. „Hol er die Zwerge, damit ich dem Gewinner seinen wohlverdienten Lohn übergeben kann.“
Und der Vogt machte sich auf den Weg und klopfte bei jedem der sieben Zwerge an die Haustüre und fragte nach, ob das wunderschöne Schneewittchen sein Werk sei. Aber alle schüttelten nur den Kopf und waren traurig, dass sie die 1000 Goldmark nicht gewonnen hatten.
„Ich bin untröstlich, Majestät. Aber keiner von den sieben Zwergen will der Künstler gewesen sein“, berichtete der Vogt dem König, als er wieder ins Schloss zurückkam.
„Das verstehe ich nicht“, sagte er König. „wer war es denn dann?“ Der König strich sich nachdenklich über seinen Kinnbart.
Plötzlich wurde die Tür vom Thronsaal aufgerissen und die Prinzessin stürmte herein. „Ich hab das Rätsel gelöst!“, rief sie begeistert. „Es war der achte Zwerg, der das schöne Schneewittchen gemacht hat.“
„Was sagst du da? Der achte Zwerg? Dieser kleine Giftzwerg mit Migrationshintergrund? Der soll der Urheber dieses Werks gewesen sein?“, empörte sich der König. Er trat zum Fenster und schaute hinunter auf den Schlossplatz, wo die verhüllte Skulptur stand. „Ehrlich gesagt, wenn ich mir das Kunstwerk genauer anschaue – so schön ist es nun auch wieder nicht. Und 1000 Lohrer Goldmark ist es auf gar keinen Fall wert. Man gebe dem achten Zwerg 50 Münzen für seine Mühe und sage ihm, er soll sich damit zufrieden geben. Und meine Tochter bekommt er natürlich auch nicht.“
Der Vogt ritt hinauf zur Grotte auf den Romberg, wo der achte Zwerg wohnte und tat, wie ihm der König befohlen hatte.
Da wurde der achte Zwerg sehr zornig, weil man ihn um seinen wohlverdienten Preis betrogen hatte und beschloss, sich für diese Schmach zu rächen.
Noch in der gleichen Stunde ging er hinaus in den Wald und schlug eine morsche alte Eiche, deren Äste abgestorben waren und nichtsnutzig am Stamm herunterhingen, als seien es lahme Arme. Als es Nacht wurde, hievte er den Baum mit Hilfe des Frammersbacher Fuhrmanns auf den Leiterwagen, und zusammen fuhren sie hinunter zum Schlossplatz und luden ihre Fracht ab. Dann verhüllten sie den verkrüppelten Baum sorgfältig mit dem Tuch, unter dem sich die schöne Schneewittchenfigur verborgen hatte.
Das wertvolle Kunstwerk aber luden sie auf und machten sich so schnell sie konnten mit ihm davon.
„Und wovon willst du mich jetzt bezahlen?“, fragte der Fuhrmann, als sie die Anhöhe zur Wiesener Landstraße hinauffuhren. „Die 50 Goldtaler werden wohl kaum für den Fuhrlohn reichen.“
„Keine Angst“, sagte der achte Zwerg. „Das hab ich schon geregelt. Spätestens im Wirtshaus im Spessart wirst du dein Geld bekommen. Die Räuber ...“, der Zwerg lachte hämisch. „sie haben im Schloss reiche Beute gemacht ...“
„Das will ich hoffen. Ich arbeite nämlich eigentlich nur auf Vorkasse“, gab der Fuhrmann zu verstehen. „Aber nur damit das mal klar ist: Eins stimmt nicht, nämlich dass wir Frammersbacher für Geld alles machen ...“
Niemand hatte bemerkt, was in der Nacht auf dem Schlossplatz vor sich gegangen war. Und so rief der König am nächsten Tag den kompletten Hofstaat und die Lohrer Honoratioren zusammen, um unter den Klängen der Wombacher Blasmusik das Kunstwerk zu enthüllen.
Natürlich war auch das Volk eingeladen, Zeuge des denkwürdigen Augenblicks zu sein. Für das leibliche Wohl der Gäste war bestens gesorgt. Die Lohrer Brauerei hatte ein besonders würziges Bier gebraut, und die städtischen Metzgereien lockten mit deftigen Grillbratwürsten und feurigen Steaks.
„Was für eine wunderbare Stimmung“, schwärmte der König. „Wie früher auf der Festwoche.“
Dann war es Zeit, für den feierlichen Moment. Auf ein Zeichen des Königs hin, zog der Vogt mit einer schwungvollen Handbewegung das Tuch von der Skulptur.
Wie groß aber war das Erstaunen, als statt des schönen Schneewittchens nur ein hässlicher morscher Baumstamm zum Vorschein kam.
„Was ist denn das?“ spotteten die Leute und klopften sich vor Lachen auf die Schenkel.
„Das soll Schneewittchen sein? – Eine Schande ist das!“
„Ergreift den Unhold“, schrie der König, als er wieder aus seiner Schockstarre erwacht war. „Er soll am Halse aufgehängt werden an seinem elenden Kunstwerk.“ So blamiert wie heute, hatte er sich noch nie zuvor in seinem Leben. Am liebsten hätte er sich vor Scham im Boden verkrochen.
Wie der König befohlen hatte, machten sich die Häscher auf den Weg, um den achten Zwerg zu fangen. Aber sie konnten ihn nirgends finden. Er war wie vom Erdboden verschluckt.
„Er ist uns entkommen“, berichtete der Vogt, als er wenige Stunden später unverrichteter Dinge ins Schloss zurückkehrte.
Der König aber war untröstlich: „Nicht nur das Schneewittchen ist weg. Auch den ganzen Familienschmuck haben sie mir geraubt! Hier seht. Die Schatztruhe ist leer! Von nun an muss ich in tiefer Armut leben.“ Der König schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.
Der achte Zwerg aber hatte genug von den Lohrern, und da ihn die Prinzessin nicht begleiteten und er nicht allein bleiben wollte, raubte er das Partensteiner Burgfräulein und zwang es, mit ihm zu gehen.
Und obwohl es mehr eine Zwangsehe als eine Liebesheirat war, haben sich die beiden dennoch zusammengerauft und sind ins Barockschloss Friedrichstein gezogen, wo sie in Saus und Braus lebten und den Schatz des Lohrer Königs verprassten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann ...
Das schöne Lohrer Schneewittchen aber fand einen würdigen Platz inmitten der Fußgängerzone von Bad Wildungen und wurde von jedermann bewundert und fotografiert.

Wer die Hintergründe zu diesem Text nicht kennt, lese hier nach!

November 2014