Sonntagmorgen bei Albin und Hilde am Frühstückstisch
Albin hat von der Kücheneckbank einen hervorragenden Blick auf die etwas höher gelegene Straße, die Waldstraße heißt, weil sie direkt in den Wald führt. Wenn er das Echo gelesen hat und ihm Hilde keine besonderen Aufgaben im Haushalt aufträgt, schaut er gerne aus dem Fenster und beobachtet die Menschen, die schon am frühen Sonntagmorgen mit ihren Stecken dem Wald zustreben und dabei im Stechschritt Jogger und Gassigeher überholen. Viele von ihnen erkennt er. Nicht etwa am Gesicht – dafür ist die Entfernung zu groß – sondern ausschließlich am Gang. Behauptet er jedenfalls.

Albin: „Da oben vermisst grad einer den Webers ihr Grundstück.“
„Was?“ Hilde steht auf, geht zur Balkontür und zieht die Gardine ein Stück zurück. Fassungslos schaut sie auf das große Mietshaus gegenüber, an dem rechts jenes Gartengrundstück angrenzt, das angeblich vermessen wird.
„Ich seh nix!“, sagt Hilde und lässt ihren Blick über die Waldstraße streifen. „Am Sonntag schaffen die vom Vermessungsamt doch gar nicht.“
„Ich hab‘s aber gesehen, behauptet Albin steif und fest.
„Was hast du gesehen?“, fragt Hilde grantig nach.
„Einen Mann mit einer orangenen Weste und einem Maßband.“
„Du spinnst doch. Wieso sollte denn jemand das Grundstück der Nachbarn vermessen?“
Hilde fasst sich an die Stirn und setzt sich wieder an den Küchentisch.
„Keine Ahnung. Vielleicht stimmt was mit der Grenze nicht oder er will’s verkaufen?“, spekuliert Albin.
„Der verkauft doch nix“, feixt Hilde. „Was der mal hat, behält er auch.“
„Jetzt seh ich ihn wieder!“, sagt Albin.
Hilde springt auf, stürzt in den Flur, um ihre Brille vom Telefontischchen zu holen und platziert sich erneut vor der Balkontür.
„Ich seh immer noch nix.“ Sie wirft Albin einen vorwurfsvollen Blick zu. „Entweder du veräppelst mich oder du siehst Gespenster?“
Albin zuckt mit den Schultern: „Grad war er noch da.“
„Hat sich wohl in Luft aufgelöst, dein sauberer Herr Vermesser?“, spottet Hilde. Sie ärgert sich tierisch, weil sie nichts von dem Schauspiel mitbekommen hatte, das sich direkt vor ihren Augen abgespielt haben soll. Wenn jemand am Sonntagmorgen das Gartengrundstück des Nachbarn vermisst, dann ist das schon eine Sensation, zumindest eine kleine, findet sie.
„Grad isser links vom Haus rausgekommen“, sagt Albin.
„Der Herr Vermesser mit der orangenen Weste und dem Vermessungsband?“, uzt Hilde.
„Mit dem roten Vermessungsband“, bestätigt Albin, der sich von Hildes gereiztem Ton nicht aus der Ruhe bringen lässt.
„Ach, jetzt isses auch noch rot? Und das kannst du alles auf die Entfernung erkennen?“
Albin nickt: „Kann ich.“
„Und warum hab ich ihn dann nicht gesehen?“ Hildes Tonfall wird schärfer.
„Weil du nach rechts geglotzt hast und nicht nach links“, antwortet Albin.
„Also ich glaub’s nicht. Ich hätte ihn doch auch gesehen, wenn er links vom Haus rausgekommen wäre“, behauptet Hilde. „Wenn ich da raufgucke, seh ich doch gleichzeitig, ob da jemand rechts oder links vom Haus läuft.“ Sie dreht den Kopf demonstrativ nach rechts und nach links.
„Ist das so?“, erkundigt sich Albin. In seiner Frage schwingt zweifelnder Sarkasmus mit.
„Ja, das ist so!“, faucht Hilde.
„Dann warst du halt zu spät dran.“ Albin seufzt.
„Was genau hast du denn überhaupt gesehen?“, bohrt Hilde nach. Vom Tatort, den sie jeden Sonntagabend schaut, weiß sie, wie eine Zeugenbefragung durchgeführt werden muss. Nicht selten irren sich Zeugen oder sie interpretieren das Gesehene falsch. Das gilt natürlich auch für Albin.
„Wie ich schon gesagt hab, da hat jemand den Webers ihr Gartengrundstück vermessen. Und das war’s auch schon.“ Albin verdreht die Augen: „Ich Trottel! Hätt ich doch nur nix gesagt!“
„Wie genau hat er das gemacht?“ Jetzt ist Hildes detektivischer Spürsinn geweckt. Auch die Tatort-Kommissare achten bei ihren Recherchen auf das kleinste Detail und gehen einer Sache so lange nach, bis sie den Mörder gefunden haben. Albin hat bedauerlicher Weise keinen Sinn für die kriminalistische Arbeit. Meist schläft er schon nach zehn Minuten vor dem Fernseher ein und schnarcht sich dann in der Lautstärke einer Motorsäge durchs Abendprogramm. Er weiß deshalb nie, wer der Mörder ist, was ihn offenbar nicht stört. Hilde lässt ihn schlafen und schnarchen und schaltetet, da sie schon etwas schwerhörig ist, die Untertitel ein, um der Handlung folgen zu können. „Wer schläft, sündigt nicht!“, ist ihre Devise. Obwohl - Albin hatte schon lange nicht mehr gesündigt …
„Also wie?“, hakt Hilde nach, weil Albin nicht gleich antwortet.
Albin stöhnt: „Herrgott nochmal. Das hab ich doch schon gesagt. Mit einem Maßband, so wie es die Vermesser eben haben. Er ist am Grundstück entlanggelaufen und hat gemessen, wie man halt so misst. Würdest du deine Brille auflassen, dann …“
„Jetzt liegt es also ein meiner Brille? Weißt du was, ich seh auch ohne Brille noch recht gut, wenn auch nicht mehr so deutlich!“
„Dann warst du halt zu langsam“, ächzt Albin. „Und jetzt lass mir mei Ruh!“
Hilde setzt sich wieder an den Tisch und nippt an ihrer Kaffeetasse. „Also sowas!“ Sie schüttelt den Kopf. „Und das am Sonntagmorgen.“

Sonntag eine Woche später
Hilde und Albin beim Frühstück
Albin sitzt auf der Eckbank und schaut aus dem Küchenfenster: „Da oben isser wieder.“
Hilde schaut auf: „Wer?“
„Der Vermesser.“ Albin deutet hinauf zur Waldstraße.
Hilde springt auf, schnappt sich ihren Feldstecher, der einsatzbereit auf der Fensterbank liegt, und baut sich mit dem Fernglas vor den Augen vor der Balkontür auf. Sie kommt gerade noch rechtzeitig, bevor der Mann hinter dem Haus verschwindet.
„Jetzt seh ich ihn auch.“ Hilde ist perplex. Wie Albin gesagt hat, trägt er eine leuchtend orange Jacke und eine graue Mütze, und – er hält ein straff gespanntes rotes Band in der Hand.
„Jetzt siehst du es selbst“, triumphiert Albin. „Ich bin nur froh, dass ich nicht länger als Lügner dastehe.“
„Hm … aber irgendwie ist das doch komisch, oder?“ Hilde fasst sich nachdenklich ans Kinn. „Ob wir uns mal bei den Nachbarn erkundigen sollen, was da los ist? Die haben vielleicht noch gar nichts mitgekriegt von dem, was sich da sich vor ihrer Haustür abspielt. Oder hast du den Karl mal gesehen?“
„Mhnh…“, brummt Albin.
„Du könntest ihn ja mal anrufen“, schlägt Hilde vor.
„Ich? Wieso Ich? Mir ist der Vermesser doch egal. Der tut mir ja nix“, wehrt sich Albin.
„Es geht doch nicht um dich“, mault Hilde zurück. „Die Sache muss doch aufgeklärt werden. Oder findest du es normal, dass am Sonntagmorgen jemand das Grundstück der Nachbarn vermisst und die wissen vielleicht gar nix davon?“
Albin zuckt mit den Schultern. „Was ist heutzutage schon normal.“
„Bei Aktenzeichen XY ungelöst sagen sie immer, die Nachbarn sollen gut aufpassen, was um sie herum passiert und sich alles merken – Datum, Uhrzeit und so – damit sie notfalls bei der Polizei als Zeugen aussagen können“, beharrt Hilde.
„Die Webers ham doch nix angestellt. Was willste denn da mit der Polizei?“
„Es geht doch nicht um die Webers, sondern um den Vermesser“, echauffiert sich Hilde. „Mann, du kapierst aber auch gar nix!“
„Wie ich schon gesagt hab: Der Vermesser is mir egal.“ Albin wendet sich wieder seiner Zeitung zu.
Hilde schüttelt den Kopf. „Wenn alle so wären wie du, dann …“
Plötzlich hält sie inne.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragt Albin verärgert.
„Da … da! Das musst du dir anschauen!“ Hilde winkt ihn zu sich. Sie steht auf den Zehenspitzen und schaut mit dem Feldstecher auf das gegenüberliegende Haus.
Albin tut ihr den Gefallen und stellt sich zu ihr an die Balkontür.
„Aha. So ist das also“, sagt er, als er in der Baulücke links des Hauses einen Hund an einer langen breiten Leine laufen sieht. Jetzt taucht auch der Vermesser auf. Er trägt einen orangefarbenen Anorak mit grauen Ärmeln und eine graue Zipfelmütze. Das rote Band mit dem Hund davor hält er straff in der Hand.
Hilde jubelt. Den kenn ich. Das ist der Alex mit der Nelly. Der wohnt doch nur ein paar Häuser weiter unten.“
„Gut“, sagt Albin, froh, endlich wieder seine Ruhe zu haben. „Dann hätten wir das geklärt. Und das ganz ohne Polizei.“

Lydia Gröbner
Januar 2019

Wie „Bittermandelöl“, das auch in der Anthologie „Leselaub“ des Miraba-Verlags erschienen ist, beruht diese Geschichte mit Hilde und Albin auf einer wahren Begebenheit. Die Namen der Handelnden wurden geändert. Im Frammersbacher Dialekt würde man sagen: „Es is wirklich alles wohr.“