Der Herr Apotheker aus Neustadt am N.,
den ich schon seit vielen Jahren kenn`,
trägt wie jedermann, so wie du und ich
ein lebendiges, wirkliches Kind in sich.

Doch wurd` dieses Kind nicht besonders geschätzt,
auch hat es wohl manchmal die Sitten verletzt,
da hat man es in eine Kiste gesteckt
in der Hoffnung, dass es darin verreckt.

Und dafür bekam er die Eins Komma Acht
im Abitur, dann das Studium gemacht,
die Apotheke in zentraler Lage,
doch manchmal wurde das Kind zur Plage.

Dann griff er in sein Arsenal
von Pillen und erstickte die Qual,
die das Kind in der Kiste erleiden musste
so leise, dass nicht mal seine Frau es wusste:

Warum er oft so müde erschien.
Und selbst im Urlaub brachte sie ihn
trotz Schmollen und Nörgeln nur selten dazu
dass er mehr haben wollte als seine Ruh.

Doch dank seiner großen Strebsamkeit
brachte er es in zwanzig Jahren sehr weit,
eine zweite Apotheke gehörte bald ihm
und ein Sohn, Studium: Medizin.

Da geschah es, dass eine, die sich drauf verstand
jene Kiste in seinem Keller fand,
räumte Wohlstandsmüll und Gerümpel hinweg
und bekam, als sie horchte dann doch einen Schreck.

Denn als sie klopfte und „Hallo“ rief,
da erwachte das Kind, das seit Jahren schlief
und sie löste schnell einige Latten
und es kam heraus – kaum noch ein Schatten!

Und was dann geschah, ja, was soll ich euch sagen
das Kind wurde stärker und nach ein paar Tagen
da ist in des Apothekers Gestalt
das Kind ausgebüchst vor neuer Gewalt.

Die Freunde, die alten, die wussten Bescheid
„Midlifecrisis – das braucht seine Zeit.
Sie ist doch kaum halb so alt wie er,
fast wie seine Tochter – das bringt er nicht mehr!“

So war´s seine Frau, als er wiederkam,
die ihn tränenumflort in die Arme nahm;
diesen kurzen Anfall von Lebensmut
verzieh sie ihm bald, und so war alles gut.

Doch bei einem von meinen letzten Besuchen,
da hat mich, trotz Wohnkultur, Kaffee und Kuchen
aus seinen Augen, ganz hell und verschmitzt
das Kind im Manne angeblitzt!